Es gibt Momente, die zeigen, was Gewerkschaft wirklich bedeutet. Nicht auf dem Papier, nicht in Statistiken, sondern dort, wo Menschen zusammenstehen, füreinander einstehen und gemeinsam kämpfen. Vor Werkstoren in den frühen Morgenstunden, auf Parkplätzen, im Streikzelt. Dort, wo aus vielen Einzelnen ein starkes »Wir« entsteht.
Die vergangenen Wochen bei Avnet Logistics in Poing bei München und Mahle in Neustadt an der Donau waren genau solche Momente.
Schock bei Mahle in Neustadt
Die Ankündigung der Werksschließung im ersten Halbjahr 2027 war für viele Mahle-Beschäftigte ein Schock. Mehr als 400 Menschen arbeiten am Standort Neustadt, an dem Klimaanlagen für Fahrzeughersteller wie BMW, Porsche und Volvo produziert werden. »Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte ihrer Lebenszeit stecken in diesem Werk«, sagt Peter Meier, stellvertretender Betriebsrats-vorsitzender und Mitglied der Verhandlungskommission.
Trotz mehrerer Warnstreiks, darunter ein 24-Stunden-Warnstreik, blieben die Verhandlungen über eine Zukunftsperspektive für das Werk ohne Ergebnis. Mahle plant, die Produktion in die Slowakei zu verlagern. »Obwohl die IG Metall umfassende und tragfähige Konzepte vorgelegt hatte, um das wirtschaftlich erfolgreiche Werk in Neustadt langfristig wettbewerbsfähig aufzustellen«, betont Rico Irmischer, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg.
Zusammenrücken statt Resignation
Doch statt zu resignieren, rückte die Belegschaft enger zusammen. Ende Mai legten die Beschäftigten die Produktion vollständig lahm. Nach einer Urabstimmung mit 98,4 Prozent Zustimmung begann ein achttägiger Erzwingungsstreik.
Diese Tage wurden zu einem beeindruckenden Beispiel gelebter Solidarität: Streikposten rund um die Uhr, gegenseitige Unterstützung und Besuche von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Betrieben. »Die Produktion stand still, aber der Zusammenhalt lief auf Hochtouren«, beschreibt Meier die Stimmung.
Die Schließung konnte zwar nicht verhindert werden. Die Beschäftigten erreichten aber deutliche Verbesserungen gegenüber den ursprünglichen Plänen des Unternehmens. Der Sozialtarifvertrag umfasst weit höhere Abfindungen, einen Härtefallfonds sowie eine Transfergesellschaft mit Rechtsanspruch und Aufzahlung. Zudem wurde ein gleitender Übergang in die Rente ab dem 60. Lebensjahr mit finanziellem Ausgleich vereinbart. Meier: »Dieser gemeinsame Kampf hat gezeigt, welche Kraft entsteht, wenn Beschäftigte geschlossen auftreten – so konnten wir das Maximum und damit eine spürbare finanzielle Entlastung für uns herausholen.«
Sehr hohe Mitgliederboni
Hinzu kommt ein Mitgliederbonus von insgesamt 3,25 Millionen Euro für IG Metall-Mitglieder. Die Auszahlung richtet sich nach der Dauer der Mitgliedschaft und stärkt gezielt diejenigen, die die Organisation über Jahre getragen haben.
Auch bei Avnet Logistics in Poing – der Standort wird Ende 2026 geschlossen und nach Sachsen-Anhalt verlagert – zeigte sich die Kraft gemeinschaftlichen Handelns. Mit einem dreitägigen Erzwingungsstreik erkämpften die Beschäftigten Anfang Mai hohe Abfindungen, eine Lohnerhöhung, Bonuszahlungen, eine Arbeitszeitverkürzung sowie einen Krisenbonus von 1.000 Euro. »Mit diesem starken Verhandlungsergebnis ist es uns gelungen, alle Beschäftigten trotz der Schließung des Betriebs finanziell abzusichern«, erklärt Sibylle Wankel, Erste Bevollmächtigte der IG Metall München.
Und auch dort wird die Gewerkschaftsmitgliedschaft extra belohnt: Jedes IG Metall-Mitglied erhält zusätzlich einen Bonus von 25.000 Euro. Bayerns IG Metall-Bezirksleiter Horst Ott ist beeindruckt vom Einsatz der Beschäftigten – bei Mahle und bei Avnet. Er betont: »Insbesondere die Mitgliederboni sind eine große Anerkennung für alle IG Metall-Mitglieder, die mit Solidarität und Mut diese starken Ergebnisse erst möglich gemacht haben.«
Solidarität über den Betrieb hinaus
Solche Auseinandersetzungen kosten Kraft, Zeit und Nerven. Aber sie hinterlassen etwas Dauerhaftes: Vertrauen, Zusammenhalt und die Erfahrung, gemeinsam etwas bewegen zu können, erklärt Symeon Xenidis, Betriebsratsvorsitzender bei Avnet in Poing. Besonders prägend war auch für ihn die Solidarität unter den Beschäftigten und über den eigenen Betrieb hinaus. »Viele haben zum ersten Mal erlebt, dass sie nicht allein sind«, berichtet Xenidis.
Die Beispiele von Mahle und Avnet zeigen: Wenn Menschen zusammenstehen, können sie mehr erreichen, als viele für möglich halten – gerade dann, wenn die Herausforderungen am größten sind.
»Wer Arbeitsplätze vernichtet, darf damit nicht billig davonkommen«, betont Horst Ott. Und er verspricht: »Wir nehmen solche Entscheidungen nicht kampflos hin. Wir werden weiter Druck machen.«
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