Es ist ein deutliches Signal für Vertrauen – und für den Wunsch nach Veränderung. Bei den Betriebsratswahlen Ende März holte die Liste Team IG Metall bei Multivac in Wolfertschwenden, einem Hersteller von Verpackungsmaschinen mit rund 2500 Beschäftigten, 56 Prozent der Stimmen. Erstmals trat eine IG Metall-Liste bei den Wahlen an – und gewann. Ein Meilenstein für mehr Transparenz und Mitbestimmung. Und ein Erfolg, den engagierte Metallerinnen und Metaller mutig erkämpft haben.
Gewerkschaft erkämpft ihre Rechte
Gewerkschaftliche Strukturen hatten im Unternehmen bisher kaum Raum – im Gegenteil: Von Unternehmensseite waren sie lange unerwünscht. Das zeigte sich auch im Vorfeld der Wahl. Multivac untersagte der IG Metall, im Betrieb Gespräche mit Beschäftigten zu führen. Nur mit richterlicher Unterstützung konnte die IG Metall ihre Informationsrechte durchsetzen. So konnte ein geplanter Aktionstag Ende Februar stattfinden. Auch die Teilnahme an der Betriebsversammlung musste Philip Kränsel, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Allgäu, gerichtlich durchsetzen.
Die Stimmung im Betrieb war entsprechend angespannt. „Viele hatten früher schlicht Angst vor möglichen Konsequenzen, wenn sie mit der IG Metall in Verbindung gebracht wurden“, berichtet Michaela Herrmann, Konstrukteurin bei Multivac. „Aber gleichzeitig gab es eine große Unzufriedenheit unter den Kolleginnen und Kollegen«, ergänzt Sven Schieskow, Monteur. Beide wurden über die Liste Team IG Metall in den neuen Betriebsrat gewählt. Am 13. April fand die konstituierende Sitzung statt – Schieskow wurde zum Vorsitzenden gewählt.
Unmut über neues Entgeltsystem
Besonders die Einführung eines neuen Entgeltsystems im nicht tarifgebundenen Unternehmen im Jahr 2023 sorgte für Unruhe. „Viele fühlten sich übergangen – und kaum einer wusste, warum er wie eingruppiert wurde“, sagt Herrmann. In dieser Phase entstand ein erster Kontakt zur IG Metall. „Wir haben das neue System erklärt und in etlichen Fällen sogar Nachbewertungen erreicht“, berichtet Kränsel. Damals bildete sich im Betrieb auch ein kleiner, hochengagierter Kreis von IG Metall-Mitgliedern – und der wuchs stetig.
»Die größte Hürde war anfangs, überhaupt mutige Leute zu finden«, erinnert sich Schieskow. Doch immer mehr Beschäftigte wollten sich nicht länger mit intransparenten Regelungen zufriedengeben – und erfuhren dabei starken Rückhalt von der IG Metall. „Wir konnten Philip jederzeit erreichen“, sagt Schieskow. „Er stand uns mit Rat und Tat zur Seite.“ Herrmann ergänzt: „Er hat uns auch emotional immer wieder getragen.“ Und wenn nötig, bremste Kränsel auch mal, wie Andreas Scholz, Gruppenleiter Montage und ebenfalls neu im Betriebsrat, erklärt. „Er riet uns: Nehmt Euch Zeit für eine gute Vorbereitung.“
Gemeinsam stark
Über zwei Jahre lang arbeitete der Aktivenkreis auf sein Ziel hin. Dann trat das Team IG Metall mit einer 34-köpfigen Liste bei der Betriebsratswahl an. 500 Beschäftigte unterstützten diese Liste mit ihrer Unterschrift – ein starkes Zeichen für Rückhalt und Vertrauen. Ein weiterer großer Durchbruch folgte beim Aktionstag Ende Februar: Die Aktiven führten rund 650 Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. „Da wurde uns klar, wie groß das Interesse an Mitbestimmung ist – und wie viel Unterstützung wir haben“, sagt Scholz. Die vielen Rückmeldungen zeigten auch deutlich, welche Erwartungen die Belegschaft an ihren neuen Betriebsrat hat – eine wertvolle Grundlage für die künftige Arbeit. Ganz oben auf der Liste: mehr Transparenz.
Transparenz auch im Wahlkampf
Um möglichst viele Beschäftigte zu erreichen, ließ sich das Team einiges einfallen: unter anderem einen WhatsAppkanal mit über 600 Abonnentinnen und Abonnenten, kreative Aktionen und neben vielen persönlichen Gesprächen einen eigenen Podcast („Eure Fragen, unsere Antworten“), moderiert von Herrmann und Schieskow, in dem sie Anliegen der Belegschaft aufgreifen und beantworten.
Die Wahl bei Multivac hat gezeigt: Wenn Beschäftigte Mut fassen, sich organisieren und zusammenstehen, können sie viel bewegen. Mit Solidarität kann man vieles erreichen. Viele zusammen sind stark!