Interview mit Horst Ott "Die Beschäftigten dürfen nicht die Zeche zahlen"

Von Stellenabbau und Werksschließungen bis zu Debatten über Sozialabbau: Horst Ott, Bezirksleiter der IG Metall Bayern, spricht über die Herausforderungen der kommenden Monate, den Widerstand gegen Kahlschlag bei Industrie und Sozialstaat sowie die Bedeutung einer starken Beteiligung an Aktionen.

Horst Ott Verhandlung München 2024

12. August 2026 12. August 2026


Horst, auf der Bezirkskonferenz hast du einen heißen Herbst angekündigt. Wie heiß wird er?

Horst Ott: Sehr heiß. Die Herausforderungen sind enorm. Viele Kolleginnen und Kollegen sorgen sich um ihre Arbeitsplätze, ihr Einkommen und ihre soziale Sicherheit. Besonders in der Automobil- und Zulieferindustrie erleben wir Stellenabbau, Verlagerungen und sogar Werksschließungen.

Gleichzeitig werden neue Debatten über Sozialabbau geführt. Das verunsichert die Menschen zusätzlich. Wir sagen klar: Die Beschäftigten dürfen nicht die Zeche für Fehlentscheidungen von Unternehmen und politische Versäumnisse zahlen. Statt Kürzungen brauchen wir Investitionen in die Zukunft, sichere Arbeitsplätze und einen starken Sozialstaat. Dafür werden wir im Herbst gemeinsam Druck machen.

Am 21. September findet der Automobil-Aktionstag statt. Was ist die Botschaft?

Horst Ott: Die Botschaft lautet: Zukunft gibt es nur mit den Beschäftigten. Die Transformation der Automobilindustrie kann nur gelingen, wenn sie mit Investitionen, Qualifizierung und Beschäftigungssicherung verbunden wird. Die Menschen brauchen Perspektiven statt Unsicherheit.

"Je mehr wir sind, desto stärker wird unsere Stimme"

Mit dem Aktionstag zeigen wir, dass die Beschäftigten bereit sind, für ihre Zukunft einzustehen. Die Zukunft der Branche wird nicht allein in Vorstandsetagen entschieden, sondern auch durch die Entschlossenheit der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft. Am 21. September werden wir an den Automobil- und Zulieferstandorten ein starkes Signal senden. Je mehr Kolleginnen und Kollegen dabei sind, desto stärker wird unsere Stimme.

Wir hören immer wieder, auch aus der Politik, dass die Beschäftigten und die IG Metall mitverantwortlich für die aktuelle Situation seien.

Horst Ott: Das Gegenteil ist der Fall. Unternehmerische Fehlentscheidungen treffen nicht die Beschäftigten und nicht die Betriebsräte. Wir kämpfen jeden Tag dafür, Arbeitsplätze zu sichern, Alternativen zu entwickeln und die Folgen falscher Strategien abzufedern.

"Wer öffentliche Gelder bekommt, muss sich zu Standorten bekennen"

Statt Schuldige bei den Beschäftigten zu suchen, sollten die Verantwortlichen die Ursachen angehen. Ein Beispiel sind öffentliche Fördergelder: Unternehmen erhalten staatliche Unterstützung und verlagern dennoch später Produktion oder schließen Standorte. Wer öffentliche Gelder bekommt, muss sich zu Beschäftigung und Standorten bekennen. Das erwarten die Menschen zu Recht.

Nur wenige Tage nach dem Automobil-Aktionstag folgt am 26. September der Sozialstaats-Aktionstag in Nürnberg. Warum ist die Beteiligung dort so wichtig?

Horst Ott: Weil sichere Arbeitsplätze und soziale Sicherheit zusammengehören. Wer den Beschäftigten große Veränderungen abverlangt, muss ihnen gleichzeitig Sicherheit geben. Ein starker Sozialstaat schützt in Krisenzeiten, ermöglicht Weiterbildung und schafft Vertrauen in die Zukunft.

Deshalb gehen wir in Nürnberg auf die Straße: für gute Renten, eine starke Krankenversicherung, eine verlässliche Daseinsvorsorge und eine gerechte Verteilung der Lasten. Gerade in Zeiten des Wandels brauchen die Menschen mehr Sicherheit, nicht weniger.

Die Kassen werden knapper. Ist eine Reform der sozialen Sicherungssysteme nicht notwendig?

Horst Ott: Natürlich müssen sich die Systeme weiterentwickeln. Aber nicht auf Kosten der Beschäftigten. Das gilt für die Rente genauso wie für die Krankenversicherung.

In der Debatte wird fast immer über Ausgaben gesprochen, viel zu selten aber über Einnahmen. Warum beziehen wir nicht alle stärker in die Finanzierung ein? Warum sollen Beschäftigte immer höhere Lasten tragen, während hohe Vermögen und Spitzeneinkommen weitgehend geschont werden? Ein solidarisches System funktioniert nur, wenn alle ihren fairen Beitrag leisten. Wer mehr hat, muss auch mehr Verantwortung übernehmen.

"Beschäftigte wissen, wer an ihrer Seite steht, wenn es schwierig wird"

Gleichzeitig müssen gute Renten, eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung und verlässliche Sicherungssysteme erhalten bleiben. Dazu gehört auch die Altersteilzeit. Sie ermöglicht einen gesunden Übergang in den Ruhestand und schafft Perspektiven für jüngere Beschäftigte. Soziale Sicherheit ist kein Kostenfaktor, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine erfolgreiche Transformation.

Trotz aller Krisen hat die IG Metall bei den Betriebsratswahlen starke Ergebnisse erzielt.

Horst Ott: Darauf können wir stolz sein. Die Ergebnisse zeigen, dass die Beschäftigten ihren Betriebsräten vertrauen und wissen, wer an ihrer Seite steht, wenn es schwierig wird. Dieses Vertrauen ist ein starkes Fundament für die kommenden Auseinandersetzungen. Auch für die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie.

Gerade jetzt kommt es darauf an, gemeinsam Haltung zu zeigen. Deshalb rufe ich alle Kolleginnen und Kollegen auf: Beteiligt euch an den Aktionen im Herbst. Je mehr wir sind, desto stärker können wir für sichere Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und gute Lebensperspektiven eintreten.