Gemeinsame Pressekonferenz mit PRO-GE Bayerische Unternehmen setzen vorwiegend auf Kostensenkung statt auf Innovation

Bezirksleiter Horst Ott: „Die Entscheider wirtschaften den Standort Bayern herunter.“ Betriebsräte-Befragung ergibt: Unternehmen geben Leitwerkfunktionen und damit technologische Führungsrolle aus der Hand. IG Metall Bayern und PRO-GE drängen auf entschlossenere europäische Industriestrategie.

PK mit Reinhold Binder und Horst Ott


Kostensenkungsprogramme sind in der Krise die vorherrschende Strategie der Unternehmen in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Befragung der IG Metall Bayern von Betriebsräten aus 325 Betrieben, davon 43 aus der Auto- und Zulieferindustrie. Dabei setzen die Unternehmen auf Personalabbau sowie die Verlagerung von Tätigkeiten, Produkten, Entwicklung und Leitwerksfunktionen. „Dieser Befund ist ein Armutszeugnis für die bayerischen Unternehmen und ihre Manager. Ideenlosigkeit statt Innovationskraft, Mutlosigkeit statt Investitionen, Rasenmäher-Methode statt Ausschöpfung vorhandener Potenziale: Die Entscheider wirtschaften den Standort Bayern herunter“, urteilt Bayerns IG Metall-Bezirksleiter Horst Ott.

In den letzten zwölf Monaten haben 48 Prozent (+3 Prozentpunkte im Vorjahresvergleich) der Betriebe Tätigkeiten in der Produktion und 36 Prozent (+3) Tätigkeiten in der Entwicklung verlagert. In der Auto- und Zulieferindustrie haben sogar 74 Prozent (+14) der Betriebe in der Produktion und 65 Prozent (+12) in der Entwicklung Tätigkeiten verlagert.

In naher Zukunft setzen sogar noch mehr Unternehmen auf Verlagerung: Für die nächsten zwölf Monate planen bereits konkret 48 Prozent (+7) der Betriebe Verlagerungen von Tätigkeiten in der Produktion und 36 Prozent (+5) in der Entwicklung. In der Auto- und Zulieferindustrie sind es 58 Prozent (+0) bzw. 57 Prozent (+8). Die Verlagerung von Produkten planen in der Auto- und Zulieferindustrie 67 Prozent (+10) der Betriebe, in der Metall- und Elektroindustrie insgesamt 43 Prozent (+0).

Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Standorten ist ihre Leitwerkfunktion bei neuen Produkten und Fertigungstechnologien. In insgesamt 55 Prozent der Betriebe wurden in den letzten zwei Jahren Produkte der neuesten Generation zuerst am eigenen Standort industrialisiert, in der Auto- und Zulieferindustrie war das nur in 40 Prozent der Betriebe der Fall. Der Blick in die Zukunft ist negativ: Insgesamt erwarten 15 Prozent der Betriebe in den nächsten zwei Jahren eine Zunahme dieser Leitwerkfunktion, 22 Prozent eine Abnahme (64 Prozent: bleibt gleich). In der Auto- und Zulieferindustrie erwarten nur 13 Prozent der Betriebe eine Zunahme, aber 40 Prozent eine Abnahme (48 Prozent: bleibt gleich). Bei der Leitwerkfunktion für neue Fertigungstechnologien sind die Aussichten ähnlich düster: Insgesamt erwarten 16 Prozent der Betriebe eine Zunahme und 22 Prozent eine Abnahme (62 Prozent: bleibt gleich). In der Auto- und Zulieferindustrie rechnen 15 Prozent der Betriebe mit einer Zunahme, aber 40 Prozent mit einer Abnahme (45 Prozent: bleibt gleich).

Ott kritisiert diese Entwicklungen scharf: „Die Leitwerkfunktion war immer die Stärke der bayerischen Industrie. Die Dominanz bei der Einführung brandneuer Produkte und Produktionsprozesse garantiert Innovation und technologische Weltspitze. Diese Führungsrolle geben die bayerischen Unternehmen gerade proaktiv und wissentlich aus der Hand. Denn das sind bewusste und freie strategische Entscheidungen. Daran haben noch nicht einmal China, Trump oder Iran Schuld.“

Bedenklich ist auch die Entwicklung im Bereich zukunftsfähige Geschäftsmodelle: 70 Prozent aller Betriebe verfügen über zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen (-5). In der Auto- und Zulieferindustrie sind es nur noch 49 Prozent (-15). Dabei nutzen die Betriebe mit zukunftsfähigem Geschäftsmodell deutlich stärker betriebliche Potenziale im Innovationsprozess: digitale Technologien zur Prozessoptimierung (68 Prozent gegenüber 49 Prozent), KI zur Prozessoptimierung (48 Prozent gegenüber 34 Prozent), strategische Personalplanung (30 Prozent gegenüber 15 Prozent), Unterstützung bei Qualifizierungsbedarf durch das Management (45 Prozent gegenüber 26 Prozent).

Ott: „Betriebe mit einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell setzen viel stärker auf eine Innovationsstrategie. Denn Zukunft, Kreativität, Innovationen sowie Investitionen in Menschen und Standorte gehören zusammen. Das ist das Gegenteil der plumpen Kostensenkungsstrategie vieler anderer Betriebe.“

PRO-GE-Bundesvorsitzender Binder: Local-Content-Regeln der EU haben zu viele Schlupflöcher

Der Bundesvorsitzende der mit der IG Metall Bayern eng verbundenen österreichischen Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) Reinhold Binder teilt die Sorgen Otts: „Die Verflechtungen der österreichischen mit der deutschen und bayerischen Industrie, insbesondere mit der Auto- und Zulieferindustrie sind sehr groß. Wir sitzen in Europa alle gemeinsam in demselben Boot und müssen zusammen die gleichen Probleme bewältigen: Chinas Abschottungs- und Subventionspolitik, Trumps Zollpolitik und Unternehmenslenker, die mit Kostensenkungsprogrammen auf dem Rücken der Beschäftigten oft den für sie leichten Weg wählen. Diese Herausforderungen können wir in Europa nur gemeinsam meistern.“

Binder und Ott drängen deshalb auf eine entschlossenere europäische Industriestrategie, um wieder faire Wettbewerbsbedingungen insbesondere mit China und den USA herzustellen. Im Mittelpunkt steht der Industrial Accelerator Act (IAA) der EU. Binder erläutert: „Es ist ein Paradigmenwechsel, dass der IAA erstmals verbindliche Local-Content-Regeln in strategischen Industrien verankert. Doch es gibt zu viele Ausnahmen und Schlupflöcher. Die EU muss für sämtliche Schlüsselindustrien von Stahl bis Halbleitern klipp und klar festlegen: Wer solche Produkte in Europa verkaufen will, muss auch einen nennenswerten Teil der damit verbundenen Wertschöpfung in Europa leisten. Damit reduzieren wir die Abhängigkeit von instabilen globalen Lieferketten, bewahren unsere technologische Souveränität und stärken so die Resilienz unserer Industrien.“