Wenn wir jetzt nicht kämpfen, haben wir schon verloren.« Yves Weinberger erinnert sich noch genau an den Moment, als Brose im Februar 2025 die Schließungspläne für den Standort Würzburg bekannt gab. Der Betriebsratsvorsitzende von Brose Würzburg weiß sofort, was auf dem Spiel steht: »Für viele Beschäftigte würde jede Perspektive wegbrechen. Ich kenne die meisten seit 25 bis 30 Jahren.«
Also hieß es: nicht abwarten, sondern handeln. Nur wenige Tage später steht die Belegschaft auf dem Werksgelände zur außerordentlichen Betriebsversammlung zusammen. Der Betriebsrat verteilt grüne und rote Karten. Dann stellt Weinberger die entscheidende Frage: »Wollt Ihr aufgeben oder kämpfen?« Die Antwort ist überwältigend: ein Meer aus roten Karten. »In diesem Moment haben wir auf Kampfmodus umgeschaltet«, erzählt der Brose-Betriebsratsvorsitzende.
Ein Protest, der die Stadt bewegt
Nur zwei Tage später ziehen 4500 Menschen durch Würzburg. Brose-Beschäftigte, Familien, Freunde und Unterstützer demonstrieren gemeinsam durch die Innenstadt. Die Plakate sind selbst gebastelt, die Wut ist groß. »In ganz Würzburg gab es keine Besenstiele mehr zu kaufen«, erzählt Weinberger heute mit einem Lachen.
Doch zum Lachen ist den Beschäftigten zunächst wenig zumute. Über Monate verweigert Brose Gespräche. Die Belegschaft lässt trotzdem nicht locker. Immer wieder wird sie laut und macht klar: Dieser Protest wird nicht einfach wieder verschwinden. 2500 Brosiannerinnen und Brosianer mit ihren Familien kommen am 1. Mai zusammen. Ein Flashmob in Würzburg mit über 1000 Beschäftigten blockiert kurzzeitig die Innenstadt und setzt ein weiteres Zeichen. Mehr als 14 000 handschriftliche Unterschriften werden gegen die Schließung gesammelt. Bei einer öffentlichkeitswirksamen Aktion fahren Beschäftigte nach Coburg und übergeben die Unterschriften an die Unternehmensleitung. Auch das Fernsehen berichtet.
Die eigene Geschichte erzählen
Der Betriebsrat beschränkt sich dabei nicht auf Demonstrationen und Aktionen. Er nimmt die Kommunikation selbst in die Hand. Es entstehen Social-Media-Kanäle, eine eigene Homepage und zahlreiche Videos. »Für uns ging es nicht um Zahlen und Kennziffern. Es ging um Menschen, Familien und Arbeitsplätze«, sagt Weinberger.
Die Botschaft kommt an. Im Mai 2025 zieht der Brose-Verwaltungsrat die Schließungspläne zurück und erklärt sich zu Gesprächen bereit. Doch damit ist der Kampf noch nicht vorbei. Die Beschäftigten wollen keine Atempause. Sie wollen eine Zukunft.
Entscheidend ist dabei auch der Rückhalt aus der Region. Oberbürgermeister, Landrat, Kommunalpolitik und zahlreiche gesellschaftliche Akteure stellen sich hinter die Beschäftigten. Für Weinberger ist dieser Schulterschluss ein wesentlicher Teil des Erfolgs: »Dieser Dreiklang aus Belegschaft, Öffentlichkeit und Politik hat am Ende den Unterschied gemacht.«
Gleichzeitig arbeitet der Betriebsrat an konkreten Perspektiven für den Standort. Gemeinsam mit Politik, Universität und weiteren Partnern entstehen Ideen für neue Geschäftsfelder. Unter anderem rückt die Raumfahrt- und Satellitentechnik in den Blick. Die Botschaft an Brose ist klar: Würzburg hat nicht nur eine Vergangenheit. Würzburg hat Zukunft.
Gemeinsam mit der IG Metall
Von Anfang an ist auch die IG Metall an der Seite der Beschäftigten, erzählt Weinberger. Die zuständige Gewerkschaftssekretärin Sabine Witte und die IG Metall Würzburg unterstützen die Belegschaft beim Aufbau der Kampagne, bei Aktionen und später bei den Verhandlungen. Für Norbert Zirnsak, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg, ist schnell klar, worauf es an kommen würde: »Die Kolleginnen und Kollegen haben geliefert. Nun ist Brose am Zug, die Zusagen in die Tat umzusetzen.«
Dann, Ende 2025, ist es geschafft: Der Standort Würzburg ist gesichert. Der Geschäftsbereich Antriebe bleibt erhalten, die Ausbildung wird fortgeführt. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2030 ausgeschlossen. Vereinbart wird der Einstieg in neue Geschäftsfelder – in die Satelliten- und Raumfahrttechnik.
Erkämpft, nicht geschenkt
Der Erfolg bleibt nicht unbeachtet. Für seinen Einsatz erhält der Betriebsrat von Brose Würzburg im September den Deutschen Betriebsrätepreis in Bronze. Zudem ist er für den Deutschen Mitbestimmungspreis 2026 nominiert. Er wird im November auf dem Deutschen Betriebsrätetag in Bonn verliehen.
Für Yves Weinberger sind Auszeichnung und Nominierung wichtig, weil sie zeigen, was die Beschäftigten gemeinsam erreicht haben. Die Geschichte von Brose Würzburg ist mehr als die Geschichte einer verhinderten Werksschließung. Sie ist eine Geschichte über Zusammenhalt und den Mut, sich gegen eine scheinbar unumstößliche Entscheidung zu stellen. Weinberger sagt: »Wir haben gekämpft und wir haben gewonnen. Das zeigt, es lohnt sich zu kämpfen. Und das können andere Belegschaften aus unserer Geschichte lernen.«